„Am Leben zu sein, heißt Narben tragen.“
Dieses Zitat ist von John Steinbeck, dessen Buch „ Of Mice an Men“ eines meiner Lieblingsbücher ist. Heute sind für Erik zwei Narben dazugekommen.
Erik sitzt auf der Untersuchungsliege der Onko- Ambulanz, da heute wieder die stationäre Chemo beginnt. Auf sein Kommando „Los“ setzt die neue Assistenzärztin den Venflon zum Stechen an. Ich stehe hinter ihm und halte seine Hand. Der Venflon funktioniert nicht, die Ärztin versucht ihn noch mit Heparin hineinzuspülen, aber es klappt nicht: er muss wieder rausgezogen werden.
So tapfer hatte er seinen Arm hingehalten, keine Tröne ist geflossen. Dann der Frust und die Traurigkeit, als der Venflon rausgezogen wurde …. es braucht kein Wort der Ärztin oder Krankenschwester … es ist ihm sofort klar, dass es ein erneutes Stechen bedeutet .. und die Tränen fließen. Er dreht seinen Kopf zu mir um und vergräbt sein Gesicht an meiner Brust. Und weint. Sein Körper wird dann immer ganz weich, alle Spannung lässt los – es fühlt sich an, als würde er zerfließen. Ich halte ihn fest, mir ist selbst zum Weinen zumute, denn ich kann ihn eigentlich nicht mehr leiden sehen.
Auch bei Ärztin und Krankenschwester spürt man Mitgefühl und Verständnis. Eine Kollegin wird geholt und eine Pause zum Trösten entsteht.
Ich wechsle auf die andere Seite der Liege, schnappe mir den wirklich sehr heilig gehaltenen Arztstuhl und wiege Erik wie ein Baby, während er weiterhin weinend sein Gesicht in mir vergräbt.
Ich sag‘ ihm: „Ich wollte schon immer mal auf diesem Arztstuhl sitzen 😉“ Aber diesmal schaffe ich es leider nicht, ihn wieder zum Lächeln zu bringen.

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